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Denkwerkstatt

Stellungnahme von E.ON-Chef Leonhard Birnbaum zur Energiewende

Neben dem Vortrag der Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche fand ich auf der diesjährigen Jahrestagung des ifo-Instituts im Juni vor allem einen weiteren Redebeitrag so interessant, dass ich Ihnen hier diesen vorstellen möchte: Und zwar stellte der Vorstandsvorsitzende von E.ON, Leonhard Birnbaum, eine bemerkenswert offene Analyse der deutschen Energiewende vor. Seine zentrale Botschaft lautete:

„Wir brauchen eine Wende in der Energiewende.“

Nach Leonhard Birnbaums Einschätzung reicht der weitere Ausbau von Wind- und Solaranlagen allein nicht mehr aus. 

Die erste Phase der Energiewende bestand darin, erneuerbare Erzeugungskapazitäten aufzubauen. 

Nun beginne jedoch die wesentlich schwierigere zweite Phase: Es müsse ein Stromsystem geschaffen werden, das jederzeit zuverlässig, bezahlbar und stabil funktioniert.

Birnbaum betont, dass künftig nicht mehr die Stromerzeugung das eigentliche Problem sei, sondern die Integration der erneuerbaren Energien in das Gesamtsystem. Stromerzeugung, Netze, Speicher, Reservekraftwerke und Verbraucher müssten gemeinsam geplant werden. Die eigentliche Herausforderung liege heute in den Systemkosten.

Deutschland verfüge inzwischen über rund 200 GW installierte Leistung aus Wind- und Solarenergie, während die maximale Stromnachfrage nur etwa 80 GW betrage. Trotzdem komme es regelmäßig zu Situationen, in denen Wind und Sonne nur einen Bruchteil des benötigten Stroms liefern. Während sogenannter Dunkelflauten falle die Einspeisung teilweise auf unter zehn Prozent der installierten Leistung.

Deshalb seien nach Birnbaums Auffassung steuerbare Kraftwerke unverzichtbar. Er unterstützt ausdrücklich den Bau neuer Gaskraftwerke als Absicherung der erneuerbaren Energien. Diese sollen nicht dauerhaft Strom erzeugen, sondern als Reserve in Zeiten geringer Wind- und Solarproduktion bereitstehen.

Gleichzeitig kritisiert Birnbaum die hohen volkswirtschaftlichen Kosten des heutigen Systems. Immer häufiger entstehen große Stromüberschüsse mit negativen Börsenpreisen. Deutschland exportiere Strom dann teilweise sogar gegen Bezahlung und importiere ihn später zu hohen Preisen wieder zurück. Hinzu kämen hohe Kosten für Netzausbau, Redispatch, Speicher und Reservekapazitäten.

„Energie wird kein Wettbewerbsvorteil Deutschlands sein“

Besonders bemerkenswert ist seine Einschätzung der zukünftigen Strompreise:

„Die Energie wird kein Wettbewerbsvorteil Deutschlands mehr sein. Es ist auszuschließen, dass wir in den nächsten 15 Jahren niedrige Energiekosten haben – egal wie viele erneuerbare Anlagen wir noch zubauen.“

Damit macht Birnbaum deutlich, dass auch ein weiterer massiver Ausbau von Wind- und Solarenergie nach seiner Einschätzung nicht zu dauerhaft niedrigen Stromkosten führen wird. Die notwendigen Investitionen in Netze, Speicher und Reservekraftwerke würden das Stromsystem auf Jahre hinaus teuer halten.

Als Konsequenz fordert er eine grundlegende Reform der Energiewende. Deutschland brauche eine Systemwende, bei der Erzeugung, Netze, Speicher und Verbrauch gemeinsam geplant werden. Außerdem fordert er schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie, mehr private Investitionen und marktwirtschaftlichere Rahmenbedingungen.

Eindringlicher Hinweis eines Praktikers

Auffällig ist jedoch auch, was Birnbaum nicht anspricht. Obwohl er die hohen Systemkosten der heutigen Energiewende ausführlich analysiert, geht er nicht auf mögliche Alternativen wie die moderne Kernenergie der Generation IV ein. Er akzeptiert den politischen Ausstieg aus der Kernenergie als gegeben und entwickelt seine Vorschläge innerhalb dieses Rahmens.

Gerade diese Leerstelle macht seine Rede besonders interessant. Denn wenn – wie Birnbaum selbst feststellt – Deutschland auch in den kommenden 15 Jahren trotz des weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien keine international wettbewerbsfähigen Strompreise erreichen wird, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob alternative Technologien mit grundlastfähiger, CO-armer Stromerzeugung und geringeren Systemkosten künftig stärker in die energiepolitische Diskussion einbezogen werden sollten.

Die Rede von Leonhard Birnbaum ist deshalb keine grundsätzliche Kritik an der Energiewende. Sie ist vielmehr ein eindringlicher Hinweis eines Praktikers, der täglich für die Stabilität des Stromsystems verantwortlich ist: Der Ausbau erneuerbarer Energien allein genügt nicht. Ohne eine grundlegende Reform des Gesamtsystems werden Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Bezahlbarkeit des Stroms in Deutschland dauerhaft unter Druck bleiben.

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