Menschliche NaturSonstiges

Darwin schlägt Kant

Wir sind einfacher gestrickt, als wir denken

Was können wir eigentlich erkennen?, fragt Frank Urbaniok im ersten Teil von „Darwin schlägt Kant“. Unsere Fähigkeit zur Selbsteinschätzung ist limitiert, unsere Tendenz, uns selber reinzulegen, ausgeprägt. So unterliegen wir etwa dem Rückschaufehler, der eine Zwangsläufigkeit suggeriert, die illusorisch ist. Oder dem Halo-Effekt, der besagt: „Wenn eine Person in einem bestimmten Bereich eine gute Leistung bringt, dann werden ihr auch in anderen Bereichen überdurchschnittliche Kompetenzen zugetraut.“ Oder dem Faktor Gewohnheit: Wir glauben Dinge, die wir häufig gehört haben, leichter. Und und und …

Natürlich gibt es ganz viele Gründe, weshalb der Mensch sich verhält, wie er sich verhält. Und möglicherweise auch gar keine, denn nur schon Gründe anzunehmen, verrät mehr über unsere Gewohnheit zu denken als über die Realität. Urbaniok sieht das anders: „Wie sind extrem darauf ausgerichtet, Kausalität und stimmige Geschichten zu konstruieren.“ Die Hirnforschung stimmt ihm zu – wir handeln zuerst, die Gründe werden nachgereicht, denn wir haben ein Bedürfnis nach Sinn und die Kausalität stellt diesen Sinn her. Einen Sinn, den wir verstehen. Denkbar ist aber eben auch eine Welt, die wir nicht verstehen (können). Nur eben: Wir wollen wissen, uns ist das Unbegreifliche nicht geheuer.

Für Frank Urbaniok besteht der primäre evolutionäre Zweck der Vernunft darin, die Überlebensfähigkeit der menschlichen Art zu steigern. Das bedeutet unter anderem, dass wir die Vernunft in den Dienst der Evolution stellen. Das tun wir, indem wir vereinfachen, generalisieren und häufig verabsolutieren. Anders gesagt: Wir benutzen unser Gehirn, um zu rechtfertigen, was wir sowieso tun. Wir können es allerdings auch ganz anders benutzen – man lese Zen-Buddhistisches.

Instinktorientiertes stereotypes Verhalten ist ein Erfolgsmodell, das unser Leben garantiert. Doch es hat seinen Preis. Wir sehen es in der Corona-Krise: Die längerfristigen Konsequenzen schnellen Handelns werden nicht oder zu wenig bedacht; die Fähigkeit vorauszuschauen, scheint uns nur in geringem Masse gegeben.

Um „die Wirklichkeit differenziert zu erfassen und darauf aufbauend vernünftig und human zu handeln“, bedienen wir uns des RSG-Modells, das aus den Elementen Registrieren, Subjektivieren, Generalisiseren besteht. Genauer: Wir erkennen etwas bewusst, verarbeiten es gemäss unserer persönlicher Vorstrukturierungen und glauben so uns selber und die Welt verstehen und damit kontrollieren zu können, und verallgemeinern es dann. Bei diesem Prozess geht es wesentlich darum, „uns Gefühle von Kompetenz und Sicherheit zu vermitteln.“

Frank Urbanioks favorisierte Herangehensweise basiert auf der pragmatisch-phänomenolgischen Betrachtungsweise. Und das meint, „möglichst unvoreingenommen und aufmerksam wahrzunehmen, ohne dass diese Wahrnehmung bereits durch Gewohnheiten oder gängige Theorien verstellt und in ein Raster gepresst wird.“ Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass man sich der eigenen Konditionierungen bewusst ist – und dieses Buch leistet dazu recht umfassend und gut verständlich Hilfestellung (und schon allein deshalb lohnt die Lektüre).

„Darwin schlägt Kant“ ist auch eine gelungene Einführung in Erkenntnisfragen. So wird etwa nach wie vor darüber gestritten, ob es „das Ding an sich“ gibt oder wir nur die Erscheinungen, die in unserem Kopf entstehen, kennen, mithin also alles eine Illusion ist. So sehr ich persönlich die Weisheit aus dem Talmud schätze, die da sagt, wir sähen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind, so sehr steht mir auch Kants Auffassung nahe, dass es „ungereimt“ sei, anzunehmen, „dass die Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint.“ Und auch die Phänomenologie sagt mir zu, die annimmt, „dass die Phänomene, so wie sie in unserem Bewusstsein auftauchen, auch eine vom Bewusstsein unabhängige Quelle bewahren.“ Von nichts kommt nichts, weiss der Volksmund und überhaupt: Widersprüche existieren nur im Kopf, wir brauchen sich nicht aufzulösen, sondern zu akzeptieren lernen.

Es gehört zu den Vorzügen dieses sehr lesbar geschriebenen Buches, dass man dem Autor quasi beim Denken zusehen kann. Unter anderem setzt er sich mit Daniel Kahnemann, Nassim Nicholas Taleb, Friedrich Nietzsche, Max Stirner (für mich eine Entdeckung, ich kannte ihn bisher nur dem Namen nach), Popper, Hegel und der Frankfurter Schule auseinander und macht auch deutlich, wo er mit ihnen nicht einig geht. Und auch die gesellschaftliche Dimension kommt nicht zu kurz, was nicht zuletzt meint, dass es sich unter anderem mit aufgeblähten Apparaten sowie einem Übermass an Regelungen auseinandersetzt.

So sehr es einleuchtet, dass man taugliche Standards entwickelt (also bestandene Prüfungen zur Ausübung bestimmter Berufe verlangt), so problematisch ist es, sich unbesehen darauf zu verlassen. „Wenn man eine häufig auftretende Krankheit hat, für die es gut etablierte und unstrittige Behandlungsmethoden gibt, kann man beruhigt sein. Für das Häufige und wenig Komplizierte macht es keinen grossen Unterschied, ob man von Herrn Dr. Meier oder Frau Dr. Müller behandelt wird. Hat man aber ein Problem, das nicht auf dem gut befestigten Pfad des Häufigen und Üblichen liegt, dann sieht die Sache anders aus.“ Er sei Buchhalter, sagte mir einmal ein Bekannter, doch kein diplomierter. Und darauf lege er Wert – er könne nämlich auch unübliche Fälle lösen.

Auch mit den Medien setzt sich Frank Urbaniok auseinander und macht etwa am Beispiel von Eva Herman (die sich weigerte, öffentlich Abbitte zu leisten und deswegen nach Strich und Faden fertig gemacht wurde) und der Migrantenberichterstattung deutlich, dass das Mediennarrativ eines ist, dass zwar vieles in Frage stellen darf, nur sich selber und die eigene Sichtweise nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Funktion der Medien die Erhaltung des Systems ist, das sie möglich macht. Medieneigner sind nunmal Stützen der Gesellschaft und keine Revolutionäre.

Ob die Funktion der Vernunft wirklich darin besteht, die Evolution zu unterstützen und zu fördern, bezweifle ich, weil wir solche Fragen schlicht nicht beantworten können (genauso wenig können wir beurteilen, ob das Universum Sinn und Zweck hat). Ich gehe eher davon aus, dass wir emotional und instinktiv stehengeblieben sind, die Vernunft sich unabhängig von den Emotionen weiter entwickelt hat und wir gelegentlich an ihr irre werden. Wie auch immer: Die Auseinandersetzung mit Frank Urbanioks Gedankenwelt elebte ich als überaus lehrreich und bereichernd, denn hier ist ein eigenständiger, humanistisch orientierter Denker unterwegs.

„Darwin schlägt Kant“ ist ein reichhaltiges, überzeugendes, hilfreiches und aussergewöhnlich anregendes Werk, das ich mit Gewinn gelesen habe.


von Hans Durrer – 21. April 2020