Bisher hat sich Harald Lesch leider noch nicht bei mir gemeldet. Ich hatte Lesch, den ich sehr schätze, ja in meinem ersten Buch ein Gespräch angeboten, um in einen aufklärenden Wettstreit von Argumenten über Kernenergie einzutreten.
Auch die USA haben „ihren“ Harald Lesch: Kyle Hill ist einer der bekanntesten Wissenschaftskommunikatoren der USA. Millionen Menschen verfolgen seine Beiträge über Physik, Raumfahrt und Technik. In den letzten Jahren hat er sich intensiv mit Kernenergie beschäftigt und mit Wissenschaftlern des amerikanischen Energieministeriums sowie des Idaho National Laboratory zusammengearbeitet.
Sein aktuelles Video behandelt ein Thema, das ich sicherlich auch mit Harald Lesch diskutiert hätte. Es handelt sich um ein mathematisches Modell, um eine Theorie.
Ein Thema, das in Ihren Ohren vielleicht trocken und technisch klingt. Tatsächlich könnte es aber eine der bedeutendsten wissenschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sein. Für Wissenschaft, Medizin, Energieversorgung und die Zukunft moderner Kerntechnik könnte es jedoch ein Wendepunkt sein.
Lieber zu streng als zu leichtsinnig
Seit den Fünfzigerjahren beruht der Strahlenschutz in den meisten westlichen Ländern auf einer einfachen Annahme: Jede noch so kleine zusätzliche Strahlendosis erhöht das Krebsrisiko. Es gibt also keinen ungefährlichen Bereich.
Diese Theorie trägt den Namen „Linear No Threshold“, kurz LNT („Linear ohne Schwellenwert“). Aus ihr entstand das sogenannte ALARA-Prinzip: „As Low As Reasonably Achievable.“ („so niedrig, wie vernünftigerweise praktikabel“) Demnach soll jede Strahlenbelastung so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar gehalten werden.
Auf den ersten Blick klingt das selbstverständlich. Wer möchte schon mehr Radioaktivität als nötig?
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn LNT ist keine Naturkonstante. Es ist ein mathematisches Modell. Ein Modell, das in einer Zeit des Kalten Krieges, der Atombombentests und großer Unsicherheit entstand und diese Zeit widerspiegelt. Ein Modell, bei dem die Angst eine große Rolle spielt.
So entschied man sich bewusst für einen maximal vorsichtigen Ansatz. Lieber zu streng als zu leichtsinnig. Diese Entscheidung war und ist verständlich. Aber es ist eine Entscheidung. Auf Basis von bestimmten Annahmen wurde etwas postuliert, das man für richtig hielt.
Doch Wissenschaft lebt davon, ihre Annahmen immer wieder zu überprüfen.
Mutter Erde
Eine Annahme, die zur LNT-Theorie führte, war: Eine Welt ohne Radioaktivität ist möglich und gut.
Eine solche Welt gibt es nicht.
Wir leben seit Millionen von Jahren in einer radioaktiven Umwelt: Kosmische Strahlung trifft die Erde ununterbrochen. Radon steigt aus dem Boden. Granit enthält Uran. Kalium in unserem Körper ist radioaktiv. Selbst eine Banane enthält natürliche Radioaktivität.
Es ist eine Umwelt, die wir gerne, weil sie dafür sorgte, dass wir Menschen überhaupt entstehen und als Menschen leben können, „Mutter Erde“ nennen.
Eine Umwelt zudem, auf die unser Körper vorbereitet ist: Jede einzelne Zelle erleidet täglich tausende DNA-Schäden durch normale Stoffwechselvorgänge. Aber unsere Körper haben wirksame Reparaturmechanismen entwickelt. Ohne diese biologischen Systeme wäre komplexes Leben überhaupt nicht möglich.
Die eigentliche wissenschaftliche Frage lautet deshalb nicht: „Ist Radioaktivität gefährlich?“ Denn natürlich kann sie das sein. Die eigentliche Frage lautet: „Ab welcher Dosis werden die natürlichen Reparaturmechanismen überfordert?“
Genau diese Frage beschäftigt heute Wissenschaftler auf der ganzen Welt, was mich zurück zum amerikanischen Harald Lesch bringt …
Amerika beginnt umzudenken
Denn das Erstaunliche an Kyle Hills Video ist nicht seine persönliche Meinung. Interessant ist vielmehr, worüber er berichtet.
Das Idaho National Laboratory und andere amerikanische Forschungseinrichtungen überprüfen derzeit die Grundlagen des bisherigen Strahlenschutzes.
Dabei geht es nicht darum, Sicherheit abzuschaffen. Es geht darum, Sicherheit wissenschaftlich neu zu bewerten. So schlagen die Experten vor, die bisherigen Grenzwerte zu überprüfen, biologische Reparaturmechanismen stärker zu berücksichtigen, niedrige Strahlendosen realistischer einzuschätzen und jahrzehntealte Annahmen an den Stand der modernen Wissenschaft anzupassen. Für beruflich strahlenexponierte Personen könnten viele bürokratische ALARA-Regeln entfallen. Für die Bevölkerung könnten Grenzwerte angepasst werden.
Noch wichtiger ist jedoch der philosophische Wandel: Nicht mehr Angst soll entscheiden, sondern Evidenz. Dies eröffnet die Chance für einen vernünftigeren Umgang mit der Radioaktivität.
Denn der Preis für die Angst vor der Radioaktivität ist hoch: Genehmigungsverfahren dauern viele Jahre. Rückbauprojekte werden extrem teuer. Die Entsorgung gering belasteter Materialien verursacht Milliardenkosten. Sanierungen werden durchgeführt, obwohl das tatsächliche Risiko oft kaum messbar ist. Auch in der Medizin spielt die Angst eine Rolle: Manche Patienten lehnen notwendige Untersuchungen ab, weil sie das Wort Strahlung hören. Dabei retten moderne bildgebende Verfahren jedes Jahr Millionen Menschenleben.
Das vielleicht größte Opfer eines angstgetriebenen Umgangs mit der Radioaktivität ist jedoch die Kerntechnik. Schaffen wir es, hier einen anderen, evidenzbasierten Umgang mit den Möglichkeiten zu finden, so sehe ich darin, wie Sie wissen, den größten Gamechanger für unseren Wohlstand und unser sicheres und friedvolles und freies Zusammenleben.
Fortschritt entsteht durch Fragen
Was mich an dieser Entwicklung, von der Kyle Hill berichtet, überaus fasziniert, ist, dass sich an ihr zeigt, dass eine Gesellschaft bereit sein kann, ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Ich finde, davon können wir uns hier in Deutschland gerne eine Scheibe abschneiden.
Denn das ist das, was Wissenschaft für unser Leben so bedeutsam macht: Die Bereitschaft, sich durch bessere Erkenntnisse korrigieren zu lassen, bringt uns als Menschheit voran.
Viele Debatten unserer Zeit leiden darunter, dass Meinungen zu Glaubenssätzen geworden sind. Wer Zweifel äußert, gilt schnell als Gegner.
Doch Fortschritt entsteht selten durch Dogmen. Weil Dogmen ein Klima der Angst erzeugen. Ein Klima, in dem Fragen verpönt sind.
Fortschritt entsteht durch Fragen. Weil so die Erkenntnisse wachsen. Weil so Irrtümer korrigiert werden können.
Kyle Hill beendet sein Video mit einer bemerkenswerten Bemerkung. Sinngemäß sagt er: „Vielleicht können wir uns endlich von einer einzigen Geraden verabschieden, die auf wissenschaftlichen Annahmen aus den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts beruht.“
Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Vielleicht geht es gar nicht um Radioaktivität. Vielleicht geht es um die viel größere Frage, ob wir den Mut haben, unsere Zukunft auf Wissen oder auf Angst aufzubauen.
Als Unternehmer habe ich gelernt, dass Angst selten gute Entscheidungen hervorbringt. Denn wer nur Risiken sieht, der investiert nicht – und wer nicht investiert, entwickelt nichts, wer nichts entwickelt, verliert seine Zukunft.
Das bedeutet nicht, sich ohne Bewusstsein für Risiken in Harakiri-Unternehmungen zu stürzen. Ich spreche nicht davon, Gefahren zu ignorieren, denn das wäre kein verantwortungsvolles Unternehmertum. In die Zukunft investieren bedeutet für mich, Probleme nüchtern zu betrachten, seinen Ängsten und Befürchtungen nicht das Ruder zu überlassen, sondern nach vernünftiger Evidenz zu streben.
Für Deutschland und Europa könnte diese Entscheidung wichtiger sein als jede Debatte über einzelne Technologien.
Denn Wohlstand entsteht nicht aus Furcht. Wohlstand entsteht aus Vernunft, Freiheit und dem Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, die Welt ein wenig besser zu machen.
Ihr Wilfried Hahn


