„Mini-Atomkraftwerk“, „Small Modular Reactor – SMR“, „Generation-IV-Reaktor“, „Flüssigsalzreaktor“, „Schneller Brüter“, „Thoriumreaktor“. In den Medien und in der Diskussion über moderne Formen von Kernreaktoren tauchen eine Menge relevanter Begriffe auf, wenn sich denn jemand für die Möglichkeiten interessiert, die Kernenergie für saubere, CO2-neutrale, sichere und günstige Energiegewinnung bietet.
Vor einigen Wochen fragte mich nun ein Freund auf einer gemeinsamen Wanderung, was denn Copenhagen Atomics eigentlich für einen Kernreaktor entwickle: einen SMR, einen Generation-IV-Reaktor oder einen Thoriumreaktor?
Und während ich ihm antwortete, wir wanderten dabei auf der herrlichen Blindensee-Runde in der Nähe von Schonach, wurde mir klar, dass diese Begriffe eher Verwirrung stiften als zum Verständnis beitragen.
Der Blick auf das wirklich Neue
Seit einigen Jahren engagiere ich mich als Aufsichtsrat von Copenhagen Atomics (lesen Sie hier einen Artikel zu meiner ersten Begegnung mit Thomas Jam Pedersen, einem der Gründer.
In dieser Zeit habe ich viele Gespräche mit Wissenschaftlern, Ingenieuren, Unternehmern und Investoren geführt. Immer wieder stellte ich dabei fest, dass wir dazu neigen, neue Technologien mit alten Begriffen zu beschreiben. Das ist verständlich, aber manchmal verhindert es den Blick auf das wirklich Neue.
Copenhagen Atomics entwickelt nach meiner Überzeugung nicht einfach einen weiteren Kernreaktor. Das Unternehmen verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz, wie Energie in Zukunft erzeugt werden kann.
Das Besondere beginnt dabei nicht bei der Größe des Reaktors (die Größe eines LKW-Containers) oder beim verwendeten Brennstoff (Thorium, wobei eine golfballgroße Kugel Thorium die gesamte Energie liefert, die Sie in Ihrem Leben brauchen), sondern bei der Logik des gesamten Systems.
Die meisten heutigen Reaktoren arbeiten nach einem einfachen Prinzip. Man bringt Brennstoff in den Reaktor, erzeugt Energie, entnimmt nach einiger Zeit den abgebrannten Brennstoff und ersetzt ihn durch neuen. Dieser Kreislauf wiederholt sich während der gesamten Lebensdauer eines Kraftwerks.
Copenhagen Atomics verfolgt einen anderen Weg. Das Brennsalz bleibt über Jahrzehnte im Reaktor. Während des Betriebs wird kontinuierlich neuer Brennstoff erzeugt und in den Kreislauf eingebracht. Gleichzeitig werden die unerwünschten Spaltprodukte entfernt. Der Reaktor wird also nicht ständig neu betankt, sondern entwickelt seinen Brennstoffkreislauf während des Betriebs weiter.
Das mag zunächst wie ein technisches Detail erscheinen, tatsächlich verändert es aber die gesamte Wirtschaftlichkeit eines solchen Systems. Während heutige Reaktoren nur einen kleinen Teil der im Uran vorhandenen Energie nutzen können, soll dieses Konzept einen wesentlich höheren Anteil der verfügbaren Energie erschließen. Was heute als Rohstoff benötigt wird, könnte in Zukunft erheblich effizienter genutzt werden.
Copenhagen Atomics löst Atommüll-Problem
Besonders faszinierend finde ich dabei einen anderen Gedanken. Seit Jahrzehnten diskutieren wir über das Problem des Atommülls. In der öffentlichen Debatte entsteht oft der Eindruck, als handle es sich um wertlosen Abfall, den man möglichst schnell und für unvorstellbar lange Zeiträume sicher vergraben und tief unter der Erde einschließen müsse. Die Ingenieure von Copenhagen Atomics betrachten diese Materialien aus einer anderen Perspektive. Für sie ist ein großer Teil dessen, was wir Atommüll nennen, in Wirklichkeit ein wertvoller Energieträger.
Die langlebigen Transurane, die in heutigen Brennelementen enthalten sind, können als Startbrennstoff für neue Reaktoren dienen. Zusammen mit Thorium entsteht daraus ein Brennstoffkreislauf, der wesentlich mehr Energie aus den bereits vorhandenen Materialien gewinnen kann. Der Begriff Atommüll verliert dadurch einen Teil seines Schreckens. Was wir heute als Problem betrachten, könnte sich langfristig als wertvolle Ressource erweisen.
Thorium spielt dabei eine besondere Rolle. Das Element ist weltweit reichlich vorhanden und fällt heute bei der Förderung seltener Erden oft als Nebenprodukt an. Meist wird es gar nicht genutzt. Gleichzeitig besitzt Thorium das Potenzial, über sehr lange Zeiträume Energie bereitzustellen. Viele Länder könnten damit ihre Energieversorgung unabhängiger gestalten, ohne auf knappe Rohstoffe angewiesen zu sein.
Die Philosophie des Reaktors
Ebenso spannend ist die technische Philosophie des Reaktors. Während viele neue Konzepte auf schnelle Brutreaktoren setzen, verwendet Copenhagen Atomics thermische Neutronen und schweres Wasser als Moderator. Dadurch kann der Reaktor kompakter gebaut werden und benötigt deutlich weniger spaltbares Material. Das senkt nicht nur die Kosten, sondern erleichtert auch die spätere Skalierung.
Noch bemerkenswerter finde ich allerdings das Geschäftsmodell des Unternehmens.
Copenhagen Atomics möchte keine Kraftwerke betreiben. Das Unternehmen möchte Reaktoren industriell herstellen. Sie haben sich die „Massenproduktion von Thoriumreaktoren“ auf die Fahnen geschrieben.
Der Betreiber errichtet das Kraftwerk, Copenhagen Atomics liefert den Reaktor, den Brennstoff und den technischen Service. Der Brennstoff bleibt im Eigentum des Unternehmens und wird am Ende der Nutzungszeit wieder zurückgenommen. Thomas Jam Pedersen vergleicht dieses Modell gerne mit Intel. Intel baut keine Rechenzentren, sondern liefert die Prozessoren. Genauso möchte Copenhagen Atomics die Energiebranche mit standardisierten Reaktoreinheiten versorgen.
Auch bei der Entwicklung geht das Unternehmen Schritt für Schritt vor. Mehrere Prototypen wurden bereits gebaut. Der nächste große Meilenstein soll ein Kritikalitätstest am Paul Scherrer Institut in der Schweiz werden. Ziel ist es, gegen Ende dieses Jahrzehnts die ersten kommerziellen Anlagen in Betrieb zu nehmen und anschließend in die industrielle Fertigung einzusteigen.
Was wäre, wenn Energie nicht knapp ist?
Natürlich bleibt jede technologische Entwicklung mit Unsicherheiten verbunden. Genehmigungen, technische Herausforderungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden darüber entscheiden, wie schnell diese Vision Wirklichkeit wird. Wissenschaft lebt von Überprüfung und nicht von Glaubenssätzen.
Dennoch beeindruckt mich die Konsequenz, mit der Copenhagen Atomics versucht, einige der größten Probleme der heutigen Energieversorgung gleichzeitig zu lösen. Und für mich persönlich liegt genau darin die eigentliche Bedeutung dieses Projekts und auch der Grund meines eigenen Engagements:
Seit Jahren diskutieren wir in Europa über Energieknappheit, steigende Preise, Klimaschutz, Versorgungssicherheit und geopolitische Abhängigkeiten. Oft scheint die Antwort darin zu bestehen, weniger zu verbrauchen und auf Wohlstand zu verzichten. Copenhagen Atomics verfolgt einen anderen Ansatz. Das Unternehmen geht davon aus – eine Einschätzung, die ich teile –, dass die Zukunft nicht durch Verzicht, sondern durch bessere Technologien gestaltet werden kann.
„Du kennst mich mittlerweile auch schon seit gut 40 Jahren …“, meinte ich zu meinem Freund, als wir am Blindensee eine Brotzeit zu uns nahmen, „erinnerst du dich noch an unsere Diskussionen über Industrie und das Waldsterben? Ich habe damals schon gesagt, es wird der technische Fortschritt sein, der die Lösung bringt.“
Als Unternehmer habe ich in meinem Leben immer wieder erlebt, dass Fortschritt selten aus Angst entsteht. Fortschritt entsteht, wenn Menschen bereit sind, etablierte Denkweisen zu hinterfragen und neue Lösungen zu entwickeln. Genau das fasziniert mich an Copenhagen Atomics. Das Unternehmen entwickelt nicht nur einen neuen Reaktor. Es stellt eine viel grundlegendere Frage: Was wäre, wenn Energie in Zukunft nicht knapp, sondern dauerhaft verfügbar, sauber, bezahlbar und nahezu unbegrenzt skalierbar wäre?
Ich glaube, dass es sich lohnt, diese Frage offen und ohne ideologische Scheuklappen zu diskutieren. Denn die Geschichte der Menschheit ist letztlich die Geschichte neuer Ideen. Und vielleicht werden unsere Enkel einmal zurückblicken und sich wundern, dass wir einen großen Teil unserer wertvollsten Energierohstoffe jahrzehntelang als Abfall betrachtet haben.
Ihr Wilfried Hahn
PS: Das Foto zeigt die 11.000 m² große Reaktorfertigungsanlage von Copenhagen Atomics im Süden Kopenhagens.



