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Aufklärung, Denkwerkstatt, Energiewende, Kernenergie

Blinder Fleck der Aufklärung – Kernenergie und unsere Identität

Berlin, München, Tegernsee, wieder Berlin, das waren zwei Wochen, in denen ich von Termin zu Termin unterwegs war, um gemeinsam mit anderen an der Zukunft zu arbeiten. Ludwig-Erhard-Gipfel. Kernforschungszentrum in Garching. Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates. Die erste von der EU organisierte Tagung zu SMR in Baden-Baden (EUROMOST). 

Und ich habe es Ihnen bereits angedeutet: Mein Eindruck ist, es tut sich was. In immer mehr Gesprächen zeigt sich, dass immer mehr Menschen, auch an den „Schalthebeln der Macht“, hinsichtlich der Energiewende umdenken. 

Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass es auch eine Vielzahl an Wortmeldungen gibt, die gerade bei der Kernenergie zeigen, wie viel Ideologie noch in der Debatte wirksam ist. 

Denn die Energiedebatte ist längst nicht mehr nur eine Debatte über Strom. Sie ist eine Debatte über Identität, Moral und Zugehörigkeit geworden. Und genau darin liegt das Problem.

Wie rational sind wir?

Mal Hand aufs Herz, ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass wir uns alle für rationale Wesen halten. Für faktenorientiert. Für aufgeschlossen. Insofern sind wir alle Kinder der Aufklärung. Aus dem finsteren Mittelalter sind wir entkommen. 

Aber wie rational, wie aufgeklärt sind wir wirklich?

Unter den vielen Menschen, mit denen ich in den letzten Jahren gesprochen habe, waren sehr viele sehr intelligente Menschen.

So saß ich unlängst mit einem Gesprächspartner am Tisch, den ich für ausgesprochen intelligent halte. Er kennt die Daten. Er kennt die Studien. Er weiß, wie sicher, auch im Vergleich zu erneuerbaren Energien, moderne Kernkraft ist. Er weiß, wie bedeutend für den Wohlstand und unsere Wirtschaft eine solche sichere, günstige und immer verfügbare Energiequelle ist. Und dennoch: Als ich das Thema „Die Energiewende in Richtung Kernenergie wenden“ direkt ansprach, wechselte sein Gesichtsausdruck. Unser Austausch war beendet, bevor er richtig begonnen hatte.

Warum?

Weil es nicht einfach um ein Thema ging und darum, dieses rational von allen Seiten zu beleuchten, um den vernünftigsten Weg aufzuklären. 

Die moderne Psychologie zeigt uns etwas Unbequemes: Viele unserer politischen Überzeugungen sind keine bloßen Meinungen, die wir haben. Sie sind Teil dessen, wer wir sind. Wir bauen Freundschaften, Karrieren, soziale Anerkennung und unser Selbstbild auf ihnen auf. Wird eine solche Überzeugung angegriffen, fühlt sich das nicht an wie eine sachliche Debatte – sondern wie ein persönlicher Angriff. Das Gehirn reagiert dann nicht mit Neugier, sondern mit Selbstschutz.

Die Folge ist heimtückisch: Wir passen nicht unsere Meinung an die Fakten an, wir passen unsere Maßstäbe an die gewünschte Schlussfolgerung an.

Wie sehr täuschen wir uns selbst?

Genau deshalb reagieren hochintelligente Menschen bei Themen wie Kernenergie oft erstaunlich irrational. Intelligenz schützt nämlich nicht vor Selbsttäuschung. Häufig macht sie uns nur besser darin, die eigene Position zu verteidigen.

Das sieht man in der Energiedebatte besonders deutlich.

Bei der Kernenergie werden oft maximale Anforderungen gestellt: absolute Sicherheit, perfekte Endlagerung über Jahrtausende, Ausschluss jedes denkbaren Restrisikos. Jede Unsicherheit gilt sofort als K.-o.-Kriterium. Historische Unfälle werden verabsolutiert, selbst wenn moderne Reaktorkonzepte technisch kaum noch vergleichbar sind.

Bei anderen Technologien wie den erneuerbaren Energien hingegen werden völlig andere Maßstäbe angelegt. Dort reichen Modellannahmen oft aus. Probleme gelten als „Herausforderungen“. Kostenexplosionen werden als „Investition in die Zukunft“ beschrieben. Netzinstabilitäten heißen „Transformationsphase“. Abhängigkeiten von Importen seien nur „temporär“.

Und ich bin mir sicher, dass sich die meisten, die so argumentieren, für aufgeklärte Menschen halten, weil sie in den erneuerbaren Energien einen hellen Fortschritt gegenüber den düsteren Zeiten der fossilen Energien und Kernenergie sehen, die sie in einen Topf werfen. 

Für mich „ein blinder Fleck der Aufklärung“. Denn das eigentliche Muster dahinter ist immer dasselbe: Nicht die Technologie entscheidet über ihre Bewertung – sondern das moralische Narrativ. Man beweist Haltung gegenüber der Kernenergie, man bestärkt sich und andere in einer bestimmten Identität, zu der der Glaube gehört, dass Kernenergie schlecht sei.

Wie bereit sind wir?

Dabei müsste gerade die Energiepolitik von Rationalität geprägt sein. Energie ist schließlich keine Glaubensfrage.

Ein Energiesystem folgt physikalischen Gesetzen, nicht politischen Wunschvorstellungen. Volllaststunden lassen sich nicht wegmoralisieren. Speicherverluste verschwinden nicht durch Aktivismus. Industrie benötigt rund um die Uhr stabile und bezahlbare Energie – keine Hoffnungen und keine Symbolpolitik.

Und mein Eindruck ist, dass sich hier gerade etwas verschiebt. Nicht, weil plötzlich alle Kernenergie lieben. Sondern weil die Realität beginnt, stärker zu wirken als Narrative. Hohe Strompreise, industrielle Abwanderung und geopolitische Unsicherheiten zwingen zu einer Rückkehr zur Rationalität.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieser Wochen: Die Energiewende wird nicht daran scheitern, dass wir zu wenig Moral haben. Sondern daran, dass wir zu lange geglaubt haben, Moral könne Physik ersetzen.

Echte Aufklärung beginnt dort, wo wir bereit sind, unsere eigenen Überzeugungen denselben Maßstäben zu unterwerfen wie die der anderen. 

Weswegen ich das Gespräch mit dem hochintelligenten Menschen an jenem Abend auch gerne fortgesetzt hätte, denn vielleicht hätte er mich ja auf einen blinden Fleck meines eigenen Denkens aufmerksam gemacht. Wende ich meine Maßstäbe überall gleich an? Lasse ich Evidenz auch dann gelten, wenn sie nicht ins Narrativ passt? Trenne ich Moral von Methodik – ohne Mitgefühl zu verlieren?

Denn Aufklärung beginnt nicht mit besseren Argumenten. Sie beginnt mit Demut.

Ihr Wilfried Hahn

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