Marktwirtschaft oder Sozialismus? Mehr Staat oder weniger Staat?
Vielleicht beginnen wir schon mit den falschen Fragen. Vielleicht müssen wir viel früher ansetzen …
In Wissenschaft, Technik und Unternehmen spricht man vom First-Principles-Denken. Ein Problem wird auf möglichst grundlegende Tatsachen zurückgeführt. Gewohnheiten und bisherige Annahmen werden zunächst beiseitegelegt. Danach versucht man, aus diesen Grundlagen die beste Lösung neu herzuleiten.
Wissen und Gesellschaft
Was wissen wir über den Menschen?
Menschen haben eigene Interessen, sind aber gleichzeitig soziale Wesen. Sie reagieren auf Anreize. Sie wollen gestalten, Eigentum erwerben, Anerkennung erfahren und möglichst selbst über ihr Leben bestimmen. Sie können solidarisch sein, aber auch egoistisch. Und sie machen Fehler.
Noch wichtiger: Niemand besitzt das gesamte Wissen einer Gesellschaft.
Der Handwerker kennt seine Kunden. Der Unternehmer kennt seinen Markt. Der Mitarbeiter kennt seinen Arbeitsplatz. Millionen Verbraucher kennen ihre Bedürfnisse. Wissenschaftler und Ingenieure besitzen jeweils spezialisiertes Wissen.
Dieses Wissen ist dezentral verteilt.
Friedrich August von Hayek beschrieb dieses Problem bereits 1945 in „The Use of Knowledge in Society“. Preise ermöglichen es, Informationen über Knappheit, Nachfrage und Veränderungen zu verarbeiten, ohne dass eine zentrale Stelle sämtliche Informationen besitzen muss.
Daraus folgt ein erstes Grundprinzip: Wo Wissen dezentral verteilt ist, sollten möglichst auch Entscheidungen dezentral getroffen werden.
Marktwirtschaft als Entdeckungsverfahren
Die Stärke der Marktwirtschaft besteht nicht darin, dass Unternehmer bessere Menschen wären als Politiker oder Beamte.
Sie besteht in ihrem Mechanismus: Tausende Unternehmen können gleichzeitig unterschiedliche Ideen ausprobieren. Kunden entscheiden, welche ihnen Nutzen bringen. Erfolgreiche Lösungen wachsen. Andere verschwinden. Gewinne und Verluste liefern dabei Informationen.
Marktwirtschaft ist deshalb ein gewaltiges dezentrales Such- und Lernverfahren.
Wettbewerb ist dafür unverzichtbar. Ohne Wettbewerb kann auch eine Marktwirtschaft erstarren.
Auch Märkte brauchen den Staat
Wer First Principles ernst nimmt, muss dieselben kritischen Fragen auch an die eigene Überzeugung stellen. Denn Märkte können versagen. Monopole können Wettbewerb ausschalten. Umweltkosten können auf andere übertragen werden. Informationen können ungleich verteilt sein. Menschen können durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Pflegebedürftigkeit in Situationen geraten, die sie allein kaum bewältigen können.
Eine freiheitliche Gesellschaft benötigt deshalb einen funktionierenden Staat.
Aber daraus folgt noch nicht, dass der Staat möglichst viele wirtschaftliche Entscheidungen selbst treffen sollte.
Die bessere Frage lautet: Welches Problem kann welche Institution besser lösen?
Sozialismus: Ziel und Methode unterscheiden
Auch sozialistische Vorstellungen beginnen häufig mit verständlichen Zielen: Armut verringern, soziale Sicherheit schaffen, Chancen verbessern und wirtschaftliche Macht begrenzen. Doch ein gutes Ziel garantiert noch keine gute Methode.
First Principles verlangt deshalb Fragen wie:
- Wer verteilt die Ressourcen?
- Woher bekommt diese Stelle das notwendige Wissen?
- Welche Anreize haben die Entscheider?
- Wer kontrolliert sie?
- Was passiert bei Fehlentscheidungen?
- Können alternative Lösungen ausprobiert werden?
Das fundamentale Problem umfassender zentraler Planung besteht darin, dass eine zentrale Institution über Wissen verfügen müsste, das tatsächlich auf Millionen Menschen verteilt ist.
Hinzu kommt die Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht.
Soziale Marktwirtschaft neu verstanden
Die Soziale Marktwirtschaft ist deshalb für mich nicht einfach ein Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.
Ihre ursprüngliche Idee ist interessanter: Der Staat schafft eine Ordnung, in der Wettbewerb funktionieren kann. Dazu gehören Rechtsstaatlichkeit, Eigentum, Vertragsfreiheit und Wettbewerb. Gleichzeitig sorgt die Gesellschaft für soziale Sicherheit.
Vereinfacht gesagt: Der Staat setzt die Spielregeln – aber nicht jeden Spielzug.
Das Ziel ist nicht die Gleichheit aller Ergebnisse. Das Ziel sollte sein, möglichst vielen Menschen Freiheit, Chancen, Wohlstand und soziale Sicherheit zu ermöglichen.
Wie viel Staat brauchen wir?
Deutschland hatte 2024 eine Staatsquote von 49,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der EU-Durchschnitt lag mit 49,2 Prozent allerdings nahezu genauso hoch.
Die Sozialleistungen in Deutschland erreichten 2024 nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums rund 1.345 Milliarden Euro beziehungsweise 31,2 Prozent des BIP.
Was beweisen diese Zahlen? Zunächst einmal erstaunlich wenig. Sie beweisen weder, dass unser Staat zu groß ist, noch dass die Sozialleistungen zu hoch sind.
First-Principles-Denken verlangt bessere Fragen: Welche Ergebnisse erzielen wir mit diesen enormen Ressourcen? Bekommen Bürger dafür gute Bildung, funktionierende Infrastruktur, Sicherheit, eine leistungsfähige Verwaltung und verlässliche soziale Absicherung?
Der Input allein sagt wenig. Entscheidend ist der Output.
Arbeit muss sich lohnen
Hier wird die Frage der Anreize konkret.
Nach OECD-Angaben betrug der Abgabenkeil eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners ohne Kinder in Deutschland 2025 49,3 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Im OECD-Durchschnitt waren es 35,1 Prozent.
Bei manchen Haushalten mit niedrigen Einkommen können durch das Zusammenspiel von Steuern, Sozialabgaben und wegfallenden Transferleistungen zeitweise extrem hohe effektive Grenzbelastungen entstehen.
Das zeigt ein grundsätzliches Problem.
Die Absicht ist sozial: Menschen sollen unterstützt werden. Wenn aber 100 Euro zusätzliches Arbeitseinkommen kaum mehr verfügbares Einkommen erzeugen, wird Eigeninitiative unattraktiv.
Eine vernünftige Sozialpolitik muss deshalb zwei Fragen gleichzeitig beantworten: Wie sichern wir Menschen ab, die Hilfe benötigen? Und: Wie sorgen wir dafür, dass sich Arbeit und Eigeninitiative trotzdem lohnen?
Sozialpolitik und Marktwirtschaft sind keine Gegensätze, wenn das System richtig konstruiert ist.
Subsidiarität als weiteres Grundprinzip
Dasselbe Denken lässt sich auf politische Macht übertragen.
Eine Entscheidung sollte möglichst dort getroffen werden, wo das notwendige Wissen vorhanden ist und die Konsequenzen getragen werden.
Zunächst beim Menschen selbst. Dann bei Familie, Unternehmen und Gemeinde. Danach auf regionaler und nationaler Ebene. Und erst bei tatsächlich grenzüberschreitenden Aufgaben auf europäischer Ebene.
Natürlich gibt es Aufgaben, die Zentralisierung verlangen: Verteidigung, Außenpolitik, internationale Handelsregeln oder manche Infrastrukturprojekte.
Aber ich würde die Beweislast umkehren: Nicht die kleinere Einheit sollte erklären müssen, warum sie entscheiden darf. Die größere Einheit sollte begründen, warum sie es besser kann.
Der schwierigste Test: die eigene Überzeugung
First-Principles-Denken ist kein Werkzeug, um die eigene Meinung wissenschaftlicher aussehen zu lassen.
Es muss gegen die eigene Meinung eingesetzt werden können. Wer Marktwirtschaft befürwortet, muss Marktversagen anerkennen. Wer einen starken Sozialstaat fordert, muss Kosten und Fehlanreize untersuchen. Wer Klimaschutz fordert, muss untersuchen, welche Maßnahmen mit den verfügbaren Ressourcen tatsächlich die größte Wirkung erzielen. Und wer Kernenergie unterstützt, muss ihre Kosten und Risiken genauso kritisch prüfen wie die von Wind, Solar, Speichern oder fossilen Energieträgern.
Eine Frage ist dafür besonders hilfreich: Welche neuen Fakten würden mich dazu bringen, meine Meinung zu ändern?
Wenn die Antwort lautet: „keine“. Dann befinden wir uns nicht mehr bei Vernunft, sondern beim Glauben.
Nicht links oder rechts – sondern: funktioniert es?
Vielleicht sollten wir politische Vorschläge deshalb künftig durch einen einfachen Test schicken und uns folgende Fragen stellen:
Welches Problem wollen wir lösen? Was wissen wir tatsächlich? Welche Annahmen machen wir? Welche Anreize schaffen wir? Wer entscheidet? Wer trägt Kosten und Risiko? Wer kontrolliert die Macht? Wie messen wir den Erfolg? Und können wir die Entscheidung korrigieren, wenn sie sich als falsch erweist?
Das führt weder automatisch zu einem großen noch zu einem kleinen Staat. Es führt hoffentlich zu einem leistungsfähigen Staat, der dort handelt, wo er gebraucht wird – und sich dort zurückhält, wo Menschen ihre Angelegenheiten besser selbst regeln können.
Vernunft schafft Zuversicht
Damit schließt sich für mich der Kreis zu meinem Grundgedanken „Unternehmen Zuversicht“.
Zuversicht bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren. Vernunft bedeutet ebenso wenig Pessimismus. Vernünftige Zuversicht beginnt mit der Wirklichkeit.
Wir akzeptieren Fakten, hinterfragen Annahmen und vertrauen gleichzeitig darauf, dass Menschen Lösungen finden können, wenn sie Freiheit, Verantwortung und die richtigen Rahmenbedingungen erhalten.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste politische Frage nicht: „Welche Ideologie hat recht?“ Sondern: „Welche Ordnung ermöglicht es Millionen Menschen, ihr Wissen, ihre Kreativität und ihre Verantwortung möglichst gut einzusetzen?“
Das wäre für mich ein guter Ausgangspunkt für eine Erneuerung unserer Sozialen Marktwirtschaft.
Nicht mehr Ideologie. Mehr Vernunft.
Wilfried Hahn



