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Denkwerkstatt

Deutschlands Wasserstoffnetz: 24 Milliarden Euro für einen Markt, den es noch kaum gibt

Deutschland plant ein rund 9.000 Kilometer langes Wasserstoff-Kernnetz. Die staatliche KfW stellt dafür einen Kreditrahmen von 24 Milliarden Euro bereit. Doch bislang fehlen ausreichende Produktionskapazitäten, verbindliche Abnehmer und wettbewerbsfähige Preise. Während bestehende Stromnetze an ihre Grenzen stoßen, wird eine Infrastruktur für einen Markt geschaffen, dessen wirtschaftliche Zukunft noch weitgehend offen ist. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Sollte der Staat mit Milliardenrisiken neue Energiemärkte erzwingen – oder sollten Wirtschaftlichkeit, Technologieoffenheit und tatsächliche Nachfrage über Investitionen entscheiden?

Ein Netz entsteht – aber wo sind die Kunden?

Die deutsche Energiewende entwickelt sich zunehmend zu einem gigantischen staatlich gesteuerten Infrastrukturprojekt. Nach dem Ausbau von Windkraft und Photovoltaik, Stromnetzen, Batteriespeichern und geplanten Reservekraftwerken folgt nun der Aufbau eines deutschlandweiten Wasserstoffnetzes.

Rund 9.000 Kilometer Leitungen sollen künftig Wasserstoff durch Deutschland transportieren. Etwa 60 Prozent davon sollen durch die Umstellung bestehender Erdgasleitungen entstehen, der Rest muss neu gebaut werden.

Die Bundesnetzagentur genehmigte 2024 ein Kernnetz mit ursprünglich veranschlagten Investitionen von rund 18,9 Milliarden Euro. Zur Finanzierung stellt die staatliche KfW einen Kreditrahmen von 24 Milliarden Euro bereit.

Doch die eigentliche Frage lautet: Wer wird diesen Wasserstoff produzieren, wer wird ihn kaufen und zu welchem Preis?

Die bisherigen Zahlen sind ernüchternd.

Laut einer aktuellen Meldung von Blackout News [LINK https://blackout-news.de/energie/bund-finanziert-9000-km-wasserstoff-kernnetz-obwohl-produzenten-und-abnehmer-fehlen/] waren bis August 2026 lediglich knapp sechs Gigawatt Transportkapazität reserviert. Reservierungen sind jedoch noch keine tatsächlichen Wasserstofflieferungen. Auch die industrielle Nachfrage bleibt hinter den politischen Erwartungen zurück.

Bei der Produktion zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Bundesregierung hatte ursprünglich das Ziel ausgegeben, bis 2030 Elektrolyseanlagen mit zehn Gigawatt Leistung aufzubauen. Tatsächlich liegt die installierte Kapazität bislang weit darunter.

Deutschland baut somit eine Infrastruktur auf, bevor ausreichend Produzenten und zahlungsfähige Abnehmer vorhanden sind.

Wasserstoff ist keine Energiequelle

In der öffentlichen Diskussion wird Wasserstoff häufig als Energieträger der Zukunft dargestellt. Dabei wird eine entscheidende Tatsache übersehen:

Wasserstoff ist keine Primärenergie. Er muss unter Einsatz anderer Energiequellen hergestellt werden.

Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit Strom produziert. Dabei gehen bereits etwa 25 bis 35 Prozent der eingesetzten elektrischen Energie verloren.

Wird der Wasserstoff anschließend gespeichert, transportiert und wieder in Strom umgewandelt, können aus ursprünglich 100 Kilowattstunden Strom nur noch etwa 30 bis 40 Kilowattstunden nutzbarer Strom übrig bleiben.

Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der teuer erzeugten Energie geht bei der Umwandlung verloren.

Wasserstoff ist deshalb kein universeller Ersatz für eine zuverlässige Stromversorgung.

Er kann allerdings dort sinnvoll sein, wo Wasserstoff als chemischer Rohstoff benötigt wird, beispielsweise in der Ammoniakproduktion, bei Raffinerien oder bei bestimmten Verfahren der Stahlherstellung.

Für diese Anwendungen gibt es bereits heute industrielle Nachfrage. Entscheidend ist jedoch, ob klimafreundlich produzierter Wasserstoff zu international wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein wird.

Der Strompreis entscheidet über die Wirtschaftlichkeit

Um ein Kilogramm Wasserstoff durch Elektrolyse herzustellen, benötigt man ungefähr 50 bis 55 Kilowattstunden Strom.

Nehmen wir 52 Kilowattstunden als Rechenbeispiel:

Dazu kommen die Investitionen in Elektrolyseanlagen, Finanzierung, Wartung, Verdichtung, Transport und gegebenenfalls Speicherung.

Diese einfache Rechnung zeigt, weshalb günstiger Strom eine entscheidende Voraussetzung für wirtschaftlichen Wasserstoff ist.

Besonders problematisch wird die Produktion, wenn Elektrolyseure überwiegend mit schwankendem Wind- und Solarstrom betrieben werden sollen.

Zwar können sie bei hohen Wind- oder Solarerträgen günstigen Strom nutzen. Allerdings benötigen sie möglichst viele wirtschaftliche Betriebsstunden, damit sich ihre Investitionskosten amortisieren.

Ein Elektrolyseur, der nur gelegentlich arbeitet, muss seine Kapitalkosten auf eine entsprechend geringe Wasserstoffmenge verteilen.

Die Hoffnung, man könne Wasserstoff einfach mit überschüssigem Wind- und Solarstrom billig herstellen, greift deshalb zu kurz.

Wer trägt das Risiko, wenn der Markt nicht entsteht?

Besonders bemerkenswert ist die Finanzierungskonstruktion des Wasserstoff-Kernnetzes.

Die KfW stellt einen Kreditrahmen von 24 Milliarden Euro zur Verfügung, mit dem anfängliche Finanzierungsdefizite überbrückt werden können. Langfristig sollen die Einnahmen aus Netzentgelten diese Kosten decken.

Gelingt dies nicht, trägt der Bund nach dem vorgesehenen Modell grundsätzlich 76 Prozent eines verbleibenden Fehlbetrags, die Netzbetreiber übernehmen 24 Prozent.

Die 24 Milliarden Euro sind somit keine bereits ausgezahlte Subvention. Es handelt sich aber um eine erhebliche staatliche Risikoabsicherung.

Das wirtschaftliche Problem liegt auf der Hand: Wenn der Wasserstoffmarkt langsamer wächst als erwartet, werden die Leitungen nicht ausreichend ausgelastet. Die Fixkosten verteilen sich auf geringere Transportmengen, wodurch die Netzentgelte je transportierter Einheit steigen können.

Dadurch wird Wasserstoff noch teurer und für industrielle Abnehmer weniger attraktiv. Es droht ein wirtschaftlicher Kreislauf, bei dem geringe Nachfrage zu höheren Kosten führt und höhere Kosten wiederum die Nachfrage bremsen.

Wer trägt dann die Rechnung?

Am Ende könnte ein erheblicher Teil der Finanzierungslücken beim Steuerzahler landen. Gleichzeitig fehlen Milliarden für bestehende Stromnetze.

Besonders widersprüchlich erscheint mir die Prioritätensetzung. Deutschland verfügt bereits über einen großen Strommarkt mit realer Nachfrage. Die Industrie benötigt eine zuverlässige Stromversorgung, neue Unternehmen brauchen Netzanschlüsse und die Elektrifizierung verschiedener Produktionsprozesse erfordert zusätzliche Kapazitäten. Dennoch führen Netzengpässe zu erheblichen Kosten und Verzögerungen. Beim Wasserstoff dagegen finanziert der Staat einen umfangreichen Ausbau auf Grundlage erwarteter zukünftiger Nachfrage.

Natürlich kann Infrastruktur auch neue Märkte ermöglichen. Ohne Wasserstoffleitungen werden sich manche Produzenten und Verbraucher möglicherweise nicht ansiedeln. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass ein bundesweites Netz in der geplanten Größenordnung bereits heute wirtschaftlich sinnvoll ist.

Ein schrittweiser Ausbau entlang konkreter industrieller Nachfrage wäre eine Alternative, die sorgfältig geprüft werden sollte.

Ein grundsätzliches Problem der Energiewende

Das Wasserstoff-Kernnetz ist für mich ein Beispiel für eine Entwicklung, die wir auch an anderen Stellen der deutschen Energiepolitik beobachten.

Zunächst werden politische Ziele definiert: Ausbau der Windenergie, Ausbau der Photovoltaik, Elektrolysekapazitäten, Wasserstoffimporte und klimaneutrale Industrieprozesse.

Anschließend müssen Infrastruktur, Speicher, Reservekapazitäten und Förderprogramme geschaffen werden, um diese Ziele technisch und wirtschaftlich zu ermöglichen.

Dabei besteht die Gefahr, dass die Kosten des Gesamtsystems erst sichtbar werden, nachdem wesentliche Investitionsentscheidungen bereits getroffen wurden.

Ein Windrad oder eine Solaranlage mag für sich betrachtet günstigen Strom erzeugen. Entscheidend sind jedoch die Gesamtkosten einer sicheren Energieversorgung einschließlich Netzen, Speichern, Reserveleistung und Systemdienstleistungen. Dasselbe gilt für Wasserstoff.

Nicht die Länge des Leitungsnetzes ist ein wirtschaftlicher Erfolg, sondern die Menge an Wasserstoff, die zu wettbewerbsfähigen Bedingungen produziert, transportiert und tatsächlich genutzt wird.

Wir sollten uns deshalb nicht an Ausbauzahlen orientieren, sondern an wirtschaftlichen Ergebnissen.

Was wäre eine vernünftige Wasserstoffstrategie?

Ich halte Wasserstoff keineswegs für überflüssig. Die chemische Industrie benötigt ihn schon heute, und in weiteren Anwendungen kann er einen wichtigen Beitrag leisten. Aber eine wirtschaftlich vernünftige Strategie müsste andere Prioritäten setzen.

Zunächst sollte geklärt werden, welche Industrien Wasserstoff tatsächlich benötigen und welche Preise sie langfristig bezahlen können.

Darauf aufbauend sollten konkrete Produktionsstandorte und Transportverbindungen entwickelt werden, möglichst abgesichert durch verbindliche Liefer- und Abnahmeverträge.

Gleichzeitig müsste Deutschland technologieoffen untersuchen, wie Wasserstoff zu möglichst niedrigen Gesamtkosten hergestellt werden kann. Dazu gehören erneuerbare Energien ebenso wie Kernenergie und andere CO₂-arme Produktionsverfahren.

Aktuell wird n der deutschen Wasserstoffstrategie vor allem auf die Elektrolyse mit erneuerbarem Strom gesetzt. Dabei könnte die Kernenergie eine interessante Alternative bieten. Moderne Kernkraftwerke können große Mengen Strom kontinuierlich bereitstellen. Dadurch lassen sich Elektrolyseanlagen mit hoher Auslastung betreiben. Fortgeschrittene Reaktorkonzepte könnten darüber hinaus industrielle Prozesswärme liefern, die beispielsweise bei der Hochtemperaturelektrolyse genutzt werden kann.

Der entscheidende Gedanke dabei ist einfach: Nicht die Herkunft einer Technologie sollte ihre Förderung bestimmen, sondern ihre Fähigkeit, Energie zuverlässig, umweltschonend und zu wettbewerbsfähigen Kosten bereitzustellen. 

Eine vernünftige Wasserstoffstrategie ist ideologiefrei.

Das bedeutet auch, dass es die Politik vermeiden sollte, durch umfangreiche Subventionen dauerhaft Geschäftsmodelle am Leben zu erhalten, die ohne staatliche Unterstützung nicht wettbewerbsfähig wären.

Der Staat kann den Aufbau neuer Infrastruktur erleichtern und Koordinationsprobleme lösen. Er sollte aber wirtschaftliche Risiken nicht unbegrenzt von den Investoren auf die Allgemeinheit übertragen.

Mein Fazit: Erst die Wirtschaftlichkeit, dann der große Ausbau Deutschland braucht eine sichere, bezahlbare und umweltschonende Energieversorgung. Wasserstoff kann dazu einen Beitrag leisten. 

Aber Wasserstoff ist weder eine Energiequelle noch eine automatische Lösung für die Herausforderungen der Energiewende.

.Ich halte es für gefährlich, wenn politische Ausbauziele zunehmend an die Stelle wirtschaftlicher Investitionsentscheidungen treten.

Wir benötigen nicht möglichst viele Kilometer Wasserstoffleitungen, möglichst viele Windräder oder möglichst hohe installierte Leistungen. Wir benötigen eine Energieversorgung, die der Bevölkerung und der Industrie zuverlässig zu möglichst niedrigen Gesamtkosten dient.

Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass der Staat möglichst viel Infrastruktur bestellt. Fortschritt entsteht, wenn neue Technologien mit weniger Ressourcen einen größeren Nutzen für die Menschen ermöglichen.

Wilfried Hahn

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