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Denkwerkstatt

Erst Finnland, jetzt Großbritannien – wann folgt Deutschland?

Bereits 2022 vollzogen die finnischen Grünen einen bemerkenswerten Kurswechsel. Auf ihrem Parteitag beschlossen sie, die Kernenergie nicht länger grundsätzlich abzulehnen, sondern als wichtigen Bestandteil einer klimafreundlichen Energieversorgung anzuerkennen.

Die finnischen Grünen unterstützen inzwischen ausdrücklich die Verlängerung der Laufzeiten bestehender Kernkraftwerke und stehen auch neuen Reaktoren offen gegenüber. Besonders kleine modulare Reaktoren (SMR) werden als interessante Zukunftstechnologie betrachtet.

Im Mai 2026 bestätigten sie diese Position erneut in ihrem Parteiprogramm. Die Begründung ist bemerkenswert einfach: Entscheidend ist nicht, welche Technologie den Strom erzeugt, sondern ob sie klimafreundlich, sicher, zuverlässig und wirtschaftlich ist. Dies ist die Position die ich laufend vertrete.

Finnland zeigt damit, dass sich grüne Politik und Kernenergie keineswegs ausschließen müssen. Klimaschutz ist wichtiger als Ideologie. 

Großbritannien: Ein weiteres grünes Tabu fällt

Anfang Oktober 2026 folgten die Grünen in England und Wales mit einer ebenfalls bemerkenswerten Entscheidung.

Auf ihrem Parteitag in Brighton strichen sie ihre bisherige Forderung nach einem Ausstieg aus der Kernenergie. Gleichzeitig erkannten sie die Kernspaltung ausdrücklich als CO₂-arme Form der Stromerzeugung an.

Damit werden die britischen Grünen noch nicht zu uneingeschränkten Befürwortern neuer Kernkraftwerke. Aber sie haben einen entscheidenden Schritt vollzogen: Kernenergie soll nicht länger aus grundsätzlichen Überzeugungen ausgeschlossen werden.

Der Kurswechsel kommt zu einer Zeit, in der Großbritannien seine Kernenergiepolitik aktiv vorantreibt. Neue Großreaktoren und kleine modulare Reaktoren sollen die Versorgungssicherheit stärken, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern und neue industrielle Perspektiven eröffnen.

Besonders interessant ist Wales. Dort soll am Standort Wylfa ein neues Kernenergieprojekt mit kleinen modularen Reaktoren entstehen.

Die politische Botschaft ist deutlich: Auch innerhalb der grünen Bewegung setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass eine erfolgreiche Klimapolitik technologieoffen sein muss.

Deutschland: Gefangen in der Vergangenheit?

Während die finnischen Grünen die Kernenergie unterstützen und die britischen Grünen ihre bisherige Ablehnung aufgeben, halten die deutschen Grünen weiterhin am Atomausstieg fest.

Deutschland hat im April 2023 seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet. Gleichzeitig sollen Wind- und Solaranlagen massiv ausgebaut werden.

Doch mit jeder zusätzlichen wetterabhängigen Anlage wachsen auch die Anforderungen an Stromnetze, Speicher, flexible Verbraucher und gesicherte Kraftwerksleistung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie günstig eine Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom produziert werden kann.

Entscheidend sind die Gesamtkosten eines Stromsystems, das an 365 Tagen im Jahr zuverlässig, klimafreundlich und zu international wettbewerbsfähigen Preisen Energie liefert.

Deutschland investiert enorme Summen in den Umbau seines Energiesystems. Zugleich belasten hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie.

Besonders problematisch wird diese Entwicklung durch den rasch steigenden Strombedarf der künstlichen Intelligenz und der Rechenzentren.

Die USA und China investieren massiv in neue Rechenkapazitäten und die dafür erforderliche Energieversorgung. Europa kann es sich nicht leisten, bei dieser Entwicklung zurückzufallen.

Eine Energiepolitik, die eine leistungsfähige CO₂-arme Technologie grundsätzlich ausschließt, schränkt ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten unnötig ein.

Neue Kerntechnologien verändern die Ausgangslage

Die Diskussion über Kernenergie wird in Deutschland noch immer stark von den Erfahrungen mit den bisherigen großen Leichtwasserreaktoren geprägt.

Doch die Technologie entwickelt sich weiter. Ich persönlich unterstütze, wie Sie wissen, die Arbeit von Copenhagen Atomics, kleine, modular aufgebaute Thorium-Flüssigsalzreaktoren zu entwickeln, die industriell in Serie gefertigt werden können. 

Gelingt die Industrialisierung solcher Reaktoren, könnte Kernenergie künftig nicht nur klimafreundlich, sicher und zuverlässig, sondern auch wesentlich kostengünstiger bereitgestellt werden.

Gerade für energieintensive Industrien und Rechenzentren eröffnen sich dadurch neue Perspektiven – vor allem dann, wenn Energiepolitik sich an Vernunft statt an Glaubenssätzen orientiert.

Der Kurswechsel der Grünen in Finnland und Großbritannien sollte auch in Deutschland eine grundsätzliche Diskussion auslösen.

Die Frage darf nicht lauten: Sind wir für Windenergie, Solarenergie oder Kernenergie?

Sie muss lauten: Wie schaffen wir eine sichere, umweltverträgliche und wirtschaftliche Energieversorgung, die unseren Wohlstand und unsere industrielle Zukunft sichert?

Alle Technologien müssen sich an denselben Maßstäben messen lassen. Dazu gehören ihre tatsächlichen Systemkosten, ihre Verfügbarkeit, ihre Umweltwirkungen und ihre langfristige Wirtschaftlichkeit.

Wer Klimaschutz ernst nimmt, sollte keine CO₂-arme Energiequelle allein aus ideologischen Gründen ausschließen.

Finnland hat diesen Schritt bereits 2022 vollzogen. Die Grünen in England und Wales folgen nun mit einer vorsichtigeren, aber grundsätzlichen Öffnung.

Vielleicht sollten sich die deutschen Grünen einmal fragen, warum ihre europäischen Parteifreunde inzwischen zu anderen Schlussfolgerungen kommen.

Die Energiewende braucht keine neuen Dogmen. Sie braucht bessere Lösungen.

Und die Zukunft unserer Industrie braucht vor allem eines: genügend zuverlässige Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Wilfried Hahn

Quellen und weiterführende Informationen: 

Finnish Green League: Parteiprogramm 2026

The Guardian: Berichterstattung über den Beschluss der Grünen in England und Wales

World Nuclear News: Berichterstattung zur Änderung der britischen grünen Kernenergiepolitik

Copenhagen Atomics: Informationen zur Entwicklung der Thorium-Flüssigsalzreaktoren

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