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Energiewende, Zukunft

Energiewende und Nutzen: Deutschland braucht mehr verkörperte Energie

Wir stehen in Deutschland vor einer Energiekrise, die tiefer geht als ein paar hohe Gaspreise oder ein kalter Winter. Sie geht tiefer, weil sie strukturell ist  und ein weltweites Phänomen. Sie geht an die Substanz dessen, was unsere Zukunftsfähigkeit ausmacht. 

Oder wie es Dr. Warwick Powell, der eine Professur an der Queensland University innehat, in der Jay Martin Show formulierte: Bei dieser weltweiten Krise geht es letztlich um Physik, Kapital und Realitätssinn.

Und mit Blick auf den Realitätssinn, denke ich, hat Deutschland noch deutlichen Nachholbedarf.

Denn andere Länder erkennen, wie grundlegend sich die Welt verändert. Sie versuchen, Risiken zu reduzieren, Abhängigkeiten zu diversifizieren, neue Lieferketten aufzubauen, Rohstoffe und Energie und Märkte zu sichern. Nicht aus Aversion gegen bestimmte Akteure, nicht aus Ideologie – sondern aus Notwendigkeit. Weil eben das alte Modell, in dem der Westen sich auf „billige Energie“, „stabile Weltmärkte“ und „immer mehr Finanzwerte“ verlassen konnte, Risse bekommen hat. 

Deutschland aber diskutiert weiterhin so über die als notwendig angesehene Energiewende, als wäre Energie ein Moralprojekt.

„Am Ende schlägt die Realität zurück.“

Powells Kernpunkt ist simpel und unbequem: Wirtschaft ist ein Energiesystem. 

Menschen nutzen Energie aus der Natur, aus gespeicherter Energie in der Erde oder aus Kräften wie Sonne und Wind, und transformieren sie, zusammen mit Materialien, zu Dingen, die Gesellschaften brauchen.

Allerdings zeigt sich, dass wir immer mehr Energie brauchen, um diesen Nutzen herzustellen. Das Verhältnis von Energie-Ertrag zu Energie-Aufwand, also der Energy Return on Energy Invested (EROEI), wird für uns ungünstiger. Die Energiegewinnung wird teurer.

Das ist nicht einfach ein finanzielles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Weil funktionierende Gesellschaften diejenigen sind, die viel Überschussenergie bereitstellen können. Energie über das hinaus, was nötig ist, um sich selbst zu reproduzieren. Diese Überschussenergie wird zu dem, was Menschen genießen: Dienstleistungen, Gesundheit, Know-how, Kultur, Bildung, aber auch materielle Güter. Das ist das, was Powell, wie ich finde ein sehr passender Begriff, „verkörperte Energie“ nennt.

Kultur, Bildung, Soziales, Innovation – all das lebt vom Energieüberschuss. Wird der Überschuss kleiner, wird „unser Energiekörper schwächer“, wie ich es ausdrücken möchte, wachsen die Probleme, wie wir sie in Deutschland erleben können.

Man kann das ignorieren. Man kann es ideologisch übertünchen. Aber man kann es nicht wegreden. Powell sagt es treffend: „Reality bats last“. Am Ende schlägt die Realität zurück.

Deutschlands Energiewende – viel Moral, wenig Physik

Deutschland hat sich in den letzten Jahren in eine Energiepolitik manövriert, die ich nur noch als Planwirtschaft mit grünem Anstrich beschreiben kann: Subventionen statt Preise. Vorrangeinspeisung statt Wettbewerb. Ausbauziele statt Systemlogik – Ideologie statt Technologieoffenheit. Wunschdenken statt Realitätssinn. Kopfgeburten statt „mens sana in corpore sano“.  

Das Ergebnis dieser Politik ist unter anderem ein geschwächter „Energiekörper“. Dienstleistungen, Gesundheit, Know-how, Kultur, Bildung leiden. Weil die Kosten eventuelle Überschüsse auffressen. Weil der EROI durch die verfehlte Energiewende immer ungünstiger wird. 

Weil wir in Deutschland fern jeden Realitätssinns an einem instabilen, teuren Energiesystem festhalten, das seine eigenen Grundlagen zerstört: industrielle Wertschöpfung, Investitionsfähigkeit, soziale Stabilität.

Die Folgen sind dramatisch. Denn wenn wir weiterhin dafür sorgen, dass Strom zum Luxusgut wird, dann beginnt die Deindustrialisierung. Nicht als Schlagzeile, sondern als Prozess. Erst gehen Investitionen ins Ausland, dann Kapazitäten, dann Know-how, dann Jobs. 

Zurück bleibt ein Land, das sich von Importen abhängig macht – und sich dabei einredet, es sei „Vorreiter“.

Vorreiter wofür? Für den Rückbau der eigenen Substanz?

Wie wir fitter werden

Wenn ein Land seine reale Produktionsbasis ausdünnt, aber gleichzeitig die Ansprüche, Versprechen und Subventionen erhöht, dann entsteht ein brüchiges System. Das sieht man an stagnierenden Reallöhnen, an politischer Wut, an der Erosion der Mitte. Das ist keine „Stimmung“. Das ist Mathematik plus Thermodynamik. 

Und deswegen ist ein Kurswechsel hin zu Marktwirtschaft, Offenheit, Realität so von Nöten – und das angesichts der weltweiten Entwicklungen am besten schnell, nah an der Realität, fern von ideologischem Wunschdenken.

Was ich Ihnen also vorschlagen möchte, sind im Prinzip fünf Punkte, von denen ich glaube, dass sie unseren „Energiekörper“, unsere Gesellschaft und Wirtschaft fitter machen:

1) Weg von Planwirtschaft und Dauersubventionen

Subventionen sind kein Geschäftsmodell. Vorrangeinspeisung ist kein Markt. Wenn Technologie nur über politische Sonderrechte funktioniert, ist sie nicht tragfähig – und sie wird am Ende unbezahlbar.

2) Marktwirtschaftliche Preissignale statt politischer Steuerung

Ein Energiesystem muss über Preise stabilisiert werden, nicht über Verordnungen. Wer ständig in den Markt eingreift, erzeugt Fehlanreize, Investitionsruinen und Misstrauen.

3) Technologieoffenheit: Kernenergie zurück auf den Tisch

Wenn wir Energiesouveränität wollen, brauchen wir grundlastfähige, skalierbare, wetterunabhängige Energie. Dazu gehört Kernenergie – nicht als „Glaubenssatz“, sondern als Werkzeug.

Und ja: moderne Reaktoren, neue Sicherheitskonzepte, neue Geschäftsmodelle. Nicht die Debatte von 1986, sondern die Realität von 2026.

4) Kommunikationsoffenheit statt moralischer Zensur

Wir brauchen eine neue Kultur der Debatte: Fakten, Vergleiche, Kosten, Systemeffekte. Wer Energiepolitik moralisiert, verhindert Lernen. Wer Kritiker diffamiert, blockiert Innovation.

5) Energie als Standortfrage begreifen – nicht als Erziehungsprogramm

Ein Industrieland ohne günstige, sichere Energie ist kein Industrieland mehr. Punkt.

Schauen Sie sich in der Welt um, dann stimmen Sie vielleicht wie ich Dr. Warwick Powells Analyse zu, dass die Länder der Welt ihre Portfolios neu ordnen. Dass sie an neuen Sicherheiten, neuen Lieferketten, neuen Energiegrundlagen bauen. 

Deutschland kann entweder mitmachen – oder weiter träumen. Ich denke, die Traumzeiten sind vorbei. Realität ist angesagt. Wir haben keine Zeit mehr für Symbolpolitik. Keine Zeit mehr für planwirtschaftliche Experimente. Keine Zeit mehr für ideologische Feindbilder gegenüber Technologie. Deutschland braucht mehr verkörperte Energie.

Ihr Wilfried Hahn

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