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Technologieoffenheit: Warum Vernunft mehr als eine Lösung zulassen muss

Immer wieder sehe ich, wie viel entstehen kann, wenn Menschen ihre Vernunft nicht gegeneinander, sondern miteinander einsetzen. Zum Beispiel wenn Fachleute unterschiedlicher Disziplinen zusammenkommen, um nach den besten, nicht den bequemsten Antworten zu suchen. Ganz ohne ideologische Vorjustierung. Für mich sind das Momente, in denen meine Zuversicht gestärkt wird.

Gerade bei großen Zukunftsfragen ist diese Haltung entscheidend. Denn je komplexer ein Problem ist, desto weniger vernünftig ist es, sich frühzeitig auf nur einen Lösungsweg festzulegen.

Genau das passiert gerade in der Debatte um die Energiezukunft Deutschlands. Wissenschaftler, Ingenieure und Unternehmer bringen ihre Expertise ein, prüfen Zahlen, hinterfragen Annahmen – und kommen zu Ergebnissen, die für die vorherrschende Meinung unbequem, aber für jeden, der selbst prüfen will, was er für den vernünftigsten, besten Weg hält, äußerst spannend sind.

Skepsis als Werkzeug, nicht als Bremse

Wer die besten Lösungen sucht, braucht Skepsis. Skepsis ist dabei kein Misstrauen aus Prinzip, sondern eine Einladung, bestehende Überzeugungen immer wieder zu prüfen. Sie hält den Geist beweglich und sorgt dafür, dass man nicht an der erstbesten Lösung hängenbleibt, sondern nach der besseren weitersucht.

Diese Haltung ist gerade dort wichtig, wo viel auf dem Spiel steht, wo es um Emotionen wie Angst geht, wo es keine einfachen Lösungen gibt. 

Bei kaum einer Frage zeigt sich das so deutlich wie bei der nach der richtigen Form der Energiegewinnung. Hier entscheidet sich, wie viel Freiheit, wie viel Wohlstand und wie viel Zukunft wir kommenden Generationen hinterlassen. 

Gelingt es uns hier, gemeinsam zu mehr Klarheit zu kommen, so ist viel gewonnen. Und vor kurzem hat eine Studie der Experten von Global Energy Solutions e. V. Ergebnisse geliefert, die für mehr Klarheit in Energiefragen sorgt und die ich Ihnen deswegen auf keinen Fall vorenthalten möchte.

Die Rechnung endet nicht am Windrad

Wind- und Solarenergie können wichtige Beiträge zu einer klimaverträglichen Stromversorgung leisten. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie günstig eine Kilowattstunde am Windrad oder Solarmodul erzeugt werden kann. Für Unternehmen und Verbraucher zählt, was eine Kilowattstunde kostet, wenn sie jederzeit zuverlässig verfügbar sein muss.

Genau hier lohnt der Blick auf das Gesamtsystem. Wind und Sonne liefern Strom, wenn das Wetter es zulässt – nicht unbedingt dann, wenn er gebraucht wird. Bei einem Überangebot müssen Anlagen gegebenenfalls abgeregelt werden. Herrscht dagegen Dunkelflaute, braucht es andere Lösungen: Speicher, Stromimporte oder gesicherte Kraftwerksleistung.

Damit steigen die Anforderungen an das gesamte Energiesystem. Es müssen Netze ausgebaut, Reservekapazitäten vorgehalten und Speicher finanziert werden. Auch Kraftwerke, die nur wenige Stunden im Jahr gebraucht werden, müssen sich wirtschaftlich tragen können. Diese Kosten verschwinden nicht, nur weil die Erzeugungskosten von Wind- und Solarstrom niedrig sind.

Die Studie „Der klimaneutrale Strommix der Zukunft“ von Global Energy Solutions setzt deshalb an einem entscheidenden Punkt an: Nicht einzelne Technologien sollten miteinander verglichen werden, sondern vollständige Stromsysteme. Für das Jahr 2045 wird darin von einem deutlich höheren Strombedarf ausgegangen, weil Verkehr, Wärme und Industrie zunehmend elektrifiziert werden.

Die Berechnungen zeigen, warum die Diskussion über die Energiewende nicht bei der Zahl installierter Windräder und Solarmodule enden darf. Ein vollständig auf Wind und Sonne ausgerichtetes System müsste enorme Erzeugungskapazitäten aufbauen und zugleich erhebliche Kosten für Netze, Abregelungen, Importe und gesicherte Leistung tragen. Auch Systeme mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien bleiben auf zusätzliche flexible Kraftwerke oder andere Formen gesicherter Energie angewiesen.

Das sind keine unumstößlichen Vorhersagen. Jede Studie basiert auf Annahmen, die diskutiert und überprüft werden müssen. Gerade deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Modelle miteinander zu vergleichen. Der entscheidende Gedanke bleibt: Eine Energiewende muss das gesamte Stromsystem bezahlen – nicht nur die Erzeugungsanlage.

Kernenergie darf keine Denkverbotszone sein

In den Berechnungen von Global Energy Solutions schneidet ein technologieoffener Strommix mit erneuerbaren Energien, begrenzter flexibler Gasleistung und regelbarer Kernenergie besonders günstig ab. Das ist kein fertiger Bauplan für Deutschland. Es ist vielmehr ein Anlass, die eigenen politischen Annahmen zu überprüfen.

Auch neue Reaktorkonzepte verdienen dabei Aufmerksamkeit. Kleinere, flexiblere Anlagen oder neue Technologien wie Flüssigsalzreaktoren sind keineswegs automatisch wirtschaftlich erfolgreich. Ob solche Ansätze tatsächlich funktionieren und konkurrenzfähig werden, muss sich in der Praxis zeigen. Aber genau deshalb sollten wir Entwicklung und Erprobung ermöglichen, statt mögliche Lösungen bereits gesetzlich auszuschließen. Ich bin überzeugt: Wenn bei der Kernenergie die klügsten Köpfe zusammenarbeiten, wird eine wirtschaftlich erfolgreiche, sichere, praktikable und saubere Technik entstehen. Und ich bin zuversichtlich, dass genau das im Moment auch schon geschieht.

Technologieoffenheit ist kein Risiko

Die Entscheidungen von heute werden den Handlungsspielraum der nächsten Jahrzehnte bestimmen. Deshalb sollten wir Wissenschaft, Vernunft und Verantwortung zum Maßstab machen. Wir sollten den Mut haben, auch unpopuläre Optionen ehrlich zu prüfen – und ebenso den Mut, Lösungen wieder zu verwerfen, wenn sie sich als ungeeignet erweisen.

Wenn Kernenergie von vornherein ausgeschlossen wird, kann anschließend nicht mehr objektiv beurteilt werden, welchen Beitrag sie zu einer sicheren und CO₂-armen Stromversorgung leisten könnte.

Die Energiewende darf nicht daran gemessen werden, welche Technologie wir maximieren. Sie muss daran gemessen werden, ob unser Energiesystem zuverlässig, bezahlbar, ressourcenschonend und CO₂-arm funktioniert.

Offen für Technologien zu sein, heißt für mich deshalb keineswegs, jede Innovation automatisch für einen Fortschritt zu halten. Wer jede neue Technologie unkritisch begrüßt, handelt nicht vernünftiger als jemand, der sie grundsätzlich ablehnt. 

Wer sich Technologieoffenheit verweigert, verzichtet freiwillig auf mögliche Lösungen. Genau das können wir uns nicht leisten.

Je mehr Menschen mit dieser Offenheit an die drängenden Fragen gehen, die über unser Wohl und Wehe in der Zukunft entscheiden, umso besser: Denn so stellen wir sicher, dass wir nicht an der erstbesten Lösung hängenbleiben, sondern unsere Vernunft als unser wirksamstes Werkzeug, das wir Menschen besitzen, optimal nutzen und die beste Lösung suchen.

Ihr Wilfried Hahn

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