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Deutschland braucht mehr Balance

Oberes Bregtal. Der Schwarzwald zeigte sich von seiner schönsten Seite. An diesem herrlichen Novembertag, an dem die Nachmittagssonne mich wie alle ankommenden interessierten Gäste wärmte, durfte ich in einem spannenden Vortrag erleben. Herr Dipl. Ingenieur Jürgen Schöttle sprach über „Volkswirtschaftliche Auswirkungen der Energiewende“. 

Das herrliche Wetter an diesem Tag war das eine, was mich so freute. Das andere war das Gefühl, dass es vorwärts geht. Vorwärts geht, weil immer mehr Menschen verstehen, dass der Weg, den wir in Deutschland vor geraumer Zeit mit der Energiewende eingeschlagen haben, unvernünftig ist. Vorwärts geht, weil auch unsere Wirtschaft, die so lange, viel zu lange, diese Unvernunft begleitet hat, endlich zur Vernunft kommt.

Unruhe und Ungeduld

Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören, aber auch zusammen das Reden sein zu lassen und anpacken, das war ein wichtiger Teil meines Unternehmertums.

Und ich habe das große Glück, dass ich diese bedeutende Seite meiner Arbeit, das Netzwerken, das sich auf gemeinsame Ziele hin Verbinden, auch heute noch leben kann: als Redner und Autor, Diskussionspartner, oder einfach auch nur Zuhörer, der in Sachen „vernünftige Energieversorgung“ unterwegs ist. Wie an diesem Novembertag bei Herrn Schöttle auf dem Vortrag. Oder nur einen Tag zuvor in Kopenhagen, wo ich in meiner Eigenschaft als Mitglied im Aufsichtsrat bei Copenhagen Atomics einige hochkarätige Persönlichkeiten aus deutschen Unternehmen begrüßen durfte. 

Ich erlebte hier wie dort Menschen, die gerade in Bezug auf unsere Energieversorgung, auf unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand, unsere Sicherheit als demokratisches Gemeinwesen besorgt sind. Menschen, die gestalten möchten. 

Eine gewisse Unruhe und Ungeduld ist spürbar. „Alles geht zu langsam. Entscheidungen werden endlos verschleppt. Gute Ansätze werden in einem System gegenseitiger Blockade erstickt. Zuständigkeiten werden delegiert, statt dass Verantwortung übernommen wird.“ Oder der Klassiker des Bürokratie-Frustes, der auch zur Sprache kam: „Wir verwalten, statt zu gestalten!“

Warum ist das so? Warum sind wir in Deutschland so gestaltungsunwillig? Einen interessanten Gedanken dazu, den ich aus diesen Treffen mitnehmen konnte, möchte ich Ihnen gerne vorstellen: Wir handeln nicht, weil wir in Deutschland aus lauter Übermoral die Vernunft paralysieren.

Paralysierte Vernunft

Wir sind in Deutschland über das Ziel hinausgeschossen. 

Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes ist gut und bedeutend: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ 

Dieser Satz ist ein moralischer Fels als bewusste Gegenreaktion auf die Barbarei des Nationalsozialismus. Der Einzelne ist gegen die Willkür des Staates in Schutz zu nehmen. Der Staat trägt die Verantwortung, den Einzelnen vor Übergriffen und Unfreiheit zu beschützen. 

Doch hat dieses Schutzsystem bei uns dazu geführt, dass es der Staat mit dem Schutz zu gut meint: Der Staat als Schützender hat sich über die Jahrzehnte in alle Lebensbereiche ausgeweitet, um eben dafür Sorge zu tragen, dass kein Mensch physisch, moralisch, psychologisch oder symbolisch verletzt wird. 

Der Staat hat so in seiner schützenden Regelwut dafür gesorgt, dass die Eigenverantwortung der Menschen an Gewicht verliert: Je mehr Regeln, umso weniger Handlungsspielraum, umso weniger Eigenverantwortung. Wenn der Staat sich in der Pflicht sieht, alles zu bedenken, und er dies auch durchsetzen kann, wie es bei uns den Anschein hat,  wird das Selbstdenken der Menschen nicht mehr gebraucht. Es wird sogar gefährlich.

Sie sehen, die Balance ist verloren gegangen, die Balance zwischen dem notwendigen Schutz der Würde des Menschen und der Eigenverantwortung, zwischen der Angst vor Machtmissbrauch und dem Mut, vernünftige Entscheidungen zu treffen. 

So erleben wir eine Übermoral, die alles regeln, mit Rechtsnormen justifizieren, Handlungsanweisungen einnormen will und somit dem Einzelnen die Würde nimmt, für sich selbst und das Gemeinwesen Verantwortung zu übernehmen.

Vernunft braucht Handlungsspielraum

Aber ein Staat, der alles absichern will, kann am Ende nichts mehr sichern – nicht die Energieversorgung, nicht die Grenzen, nicht das Vertrauen. 

Die Folgen davon erleben Sie jeden Tag: Bürokratie wächst, weil niemand Verantwortung tragen will. Politik verliert an Tempo, weil alles juristisch abgefedert werden muss. Unternehmen verzweifeln an Formularpflichten, während Wettbewerber in Asien längst handeln. Und der Bürger verliert Vertrauen, weil der Staat nicht mehr als Problemlöser, sondern als Hindernis erlebt wird.

Aber der Staat sollte genauso wenig ein Hindernis sein, wie gelebte Eigenverantwortung und das Selbstdenken gefährlich.

Der Staat sollte Rahmenbedingungen setzen, die einen Handlungsspielraum für eigenverantwortliches Handeln wie unternehmerisches Handeln aufmachen.

Deutschland braucht mehr Balance, den richtigen Mix, wie eben auch bei der Energie. Die Einseitigkeit, mit der wir bei uns traditionell vorgehen, lähmt uns, macht uns schläfrig. 

Kriegen wir das hin? Ich glaube ja. Die Gespräche, die ich zwischen Schwarzwald und Dänemark führen konnte, stimmen mich zuversichtlich.

Die Zukunft wird denjenigen gehören, die Verantwortung übernehmen, nicht jenen, die sie delegieren. Und von diesen Menschen lerne ich mehr und mehr kennen.

Ihr Wilfried Hahn